RÓŻA UND DIE WÖLFE - TEXTE

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Ząmóśc

Sommerglanz über den Wiesen, Feldern, den soldatisch ausgerichteten Strohpuppen, der ferne Horizont tiefblau markiert, als habe eine sichere Hand den Pinsel geführt, um den Blick in die endlos scheinende Weite zu begrenzen. Vereinzelt Kühe, schwarzgefleckt im satten Grün, Störche am Landen, stelzten wie verabredet aufeinander zu, wohl bald ihr Aufbruch zum Äquator. Augenblicke durchs Autofenster, rasch wechselnd, auf dem Weg ins südöstliche Polen. Die dicht befahrene einzige Fernstrasse von schmalen Landstrassen abgelöst, statt der Lastzüge nun Panjewagen und Zugmaschinen.

Wir würden eine arme Region ansteuern, warnte Marek, der Fahrer aus Krakau, und schien von den vielen unverputzten Wohnwürfeln in der Landschaft überrascht, die von Fleiss und kleinem Wohlstand ihrer Besitzer zeugten. Manchmal sein prüfender Blick auf die Strassenkarte, und ohne Halt das sommerdurchwogene Hochland durchquert, Felder und Kiefernwälder, kleine Dörfer in paradiesischer Weite. Und irgendwo das Städtchen Zamosc perlengleich in die Landschaft versenkt, der Geburtsort Rosa Luxemburgs.

(...)

Noch schien die Zukunft des lebhaften Kindes ein offener Raum, das Hineingeborenwerden in eine jüdische Familie, Ort und Zeit nicht schicksalshaft. Um seine Kinderwelt die Windstimmen der weiten Landschaft, das Lautgewirr der Gutsherren und der Bauern, die an Markttagen ihre Tiere und Waren unter den Arkaden feilhielten, das farbige Bild russischer Garnisonssoldaten, die über den grossen quadratischen Platz flanierten. Drei hohe Fenster öffneten das geräumige Haus zum Grossen Markt, am anderen Ende das Rathaus, die beiden grosszügig verlaufenden Freitreppen und der aus dem Kubus aufragende Uhrenturm.

Ein noch ungeformtes Kindergesicht, das durch das schmiedeeiserne Rankengitter des Balkons sein Umfeld erspähte, erste Märchen und Verse von der Mutter vernahm. Ein kleines, kräftiges Mädchen, das mit den Geschwistern im Hof des Hauses spielte, vielleicht vorsichtig auf eine Schaukel gesetzt, langsam vor- und zurückflog, seine Augen schloss und, den Wind im seidendunklen Haar, abzuheben meinte.

Weitab die Stadt Paris, der Versuch einer sozialistischen Revolution und das rasche blutige Ende der Pariser Kommune, das so sehr dem raschen blutigen Ende von Spartakus glich, dem Meuchelmord an seinen Führern, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Über das abgelichtete noch ungeformte Kindergesicht schob sich mir das nicht mehr geformte, von der Verwesung zerstörte Gesicht der achtundvierzigjährigen Frau, die nach fünf Monaten im Wassergrab endlich geländet wurde.

Zufall oder mehr, wenn sich Geschehnisse wie die Jahresringe der Bäume wiederholen, wiederkehren, in der Geschichte aufleben?

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