MORD DER ANGST

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Er lag unter dem Traktor eingeklemmt und sah als erstes den stillblauen bewegungslosen Himmel über sich, soviel Weite und doch keinen Atem, wollte nichts anderes als losschreien, um Hilfe schreien in dieses Blau über ihm, aber lag von Schmerzen eingepanzert, und plötzlich das Gesicht des Sohnes über ihm, blassgraue Augen, die ihn verwundert anstarrten, zu belauern schienen, begierig, was weiter geschah. Der Vater stöhnte und schnitt komische Grimassen, die Dolf lustig fand, dennoch nicht sicher, ob es so lustig gemeint war, der Vater liess Dolf nicht aus dem Blick, verdüstert, böse, und würde gleich unter dem Traktor rauskriechen und Dolf vermöbeln, an seiner Nase reissen und sie wohl ganz ausreissen, wie er angedroht hatte, statt der Nase ein Loch, immer ein Loch im Gesicht. Dolf wagte sich nicht zu bewegen, von den Augen des Vaters genagelt, stummgeworden, erwartete er seine Strafe, denn gewiss lag es an Dolf, wenn der Vater so wilde Gesichter schnitt, war er dran.

(...)

Über den Kopf des Vaters lief eine Ameise, und Dolf folgte ihr mit den Augen, sah sie vor Hindernissen stoppen, die Richtung wechseln, sah in die starrkalten Augen des Vaters, sah eine zweite Ameise und fürchtete sich vor dem Vater, der Ameisen über seinen Kopf krabbeln liess, das Haar schweissverklebt, dunkelblond mit grau, er hätte die Ameisen zwischen den Fingern zerreiben wollen, aber scheute sich, den Vater zu berühren, der Dolf so dunkel anschwieg, dass er ratlos zu weinen begann, ins Gesicht des Vaters heulte, im blinden Wunsch, dass etwas das Schweigen zerreisse, das Dolf unheimlich wurde, ein Alb, der ihn zu erdrücken drohte, lieber ein Loch im Gesicht, die Nase ausgerissen, weg, alles lieber, Dolf weinte und keine Stimme, die ihn erlöst hätte, weinte sich leer. Über den Vater liefen unzählige Ameisen, eine geordnete Kolonne, die Dolf nicht mehr kümmerte, benommen kletterte er hangauf bis zum Waldrand und drückte sich an einen Baum, und lange schien alles gut, bis ihn die Schreie seiner Mutter zurückholten.

Wem die Schlagzeile schlägt
(Zeitungstext)

„Mord der Angst“ ist eine fiktive Täterbiografie, die den Mordfall Seewen thematisiert. Der Täter, gewaltsam gezeugt, kommt schliesslich gewaltsam um. Die Autorin hat sich lange Zeit gelassen, rückblickend beinah zuviel Zeit, bis sie literarisch umzusetzen begann, was vor 2O Jahren der grösste Kriminalfall des Landes war. Das Pfingstsamstagsidyll wurde von dreizehn Schüssen gelöchert, und jeder für die fünf Opfer tödlich. Im Jahr der Verjährung für das Gewaltverbrechen erscheint „Mord der Angst“ auf dem Buchmarkt und schon beginnen die seltsamen Nachgeschichten, wird hochgespült, was nicht vergessen war, verknüpft sich Fiktion und Realität. Der Fall Seewen belebt sich, die Autorin bekommt vertrauliche Briefe und Anrufe, auch die Lebensgeschichte samt Adresse eines Phantomtäters zugespielt, als wäre sie ein Fahnder. Die Autorin geht auf Distanz, in ihrem Roman sind Täter und Opfer austauschbar, Gewalt wie Gegengewalt eine Münze und keine der Seiten ein Glückswurf. Die Welt der Fahnder ist nicht mit der ihren identisch. Bis zu diesem Freitagabend im Oktober.

Sie bereitete sich auf eine Lesung vor, als sie die Nachricht zutelefoniert bekam, die nicht gleich eindrang, als wäre sie unter Wasser, die Kommunikation gestört. Eine Bombenstory, nicht nur für das Massenblatt, ein Knüller, und Kommissar Zufall im Gespräch. Schlagartig war mit dem Auffinden der Tatwaffe der Mordfall Seewen wieder Mediengegenwart geworden. „Eine bemerkenswerte Koinzidenz“, schrieb dazu eine befreundete Autorin, „das allmähliche Auftauchen der Toten von Seewen in Deinem Buch und in der realen Welt, es ist, als hätten sie durch Deine Recherche wieder Mut bekommen und seien entschlossen, ihren Mörder zu finden und vor Gericht zu bringen, jetzt, da ihn jemand beim Namen genannt und ihn erzählend eingefangen hat. Sag ich’s doch, die Toten sind nicht tot. Anne Duden sagt, das Gedächtnis der Körper sei die Kunst.“ (Zitat Ende)

Ebenso bemerkenswert die Übereinstimmung des fiktiven Täterporträts Doll mit dem nun weltweit gesuchten mutmasslichen Täter Doser. Wer hat dabei wen überrundet, Fiktion die Realität oder umgekehrt? „Ach, diese Geschichtenerzähler“, sagt Christoph Ransmayr, „überführen die wirklichen unverwechselbaren Menschen und die wirklichen Orte und Städte ins Reich der Erzählung.“ Doll wie Doser ein Einzelgänger, arbeitslos und unverheiratet, mit starker Mutterbindung und ein Waffenliebhaber. Doser verschwand zwei Jahre nach dem unaufgeklärten Mordfall aus der Schweiz. Auch die Romanfigur Doll will: “Als keiner zum Bahnhof und verschwinden. Der Gedanke gefiel ihm, alles zu verlassen, zurückzulassen, Doll wäre tot, und er woanders ein anderer mit anderem Namen.“

Ob sie Hellseherin sei, wollte die Fernsehjournalistin wissen. Und ihr Kameramann war überzeugt, dass die Autorin den Täter kennen müsse, nicht nur der Kameramann. Die Autorin eine Mitwisserin? Und ob sie denn keine Angst vor Doser habe?

Was ihr Angst machte, waren die leeren Vermutungen. Vielleicht gibt es ein Psychogramm des möglichen Täters, aber nicht für die Autorin, es käme für sie einer Vorverurteilung gleich. Doch hatte sie zwei Jahre mit ihrer Romanfigur Doll verbracht, sich hineingelebt, war Opfer und Täter gewesen.

Aber nun die Konfrontation mit der Realität, die sie beim Schreiben ihres Romans kaum tangiert hatte, ihre Recherchen blieben im Fundus, eine leere Bühne war für sie besser zu bespielen. Literatur hat mit der kurzatmigen Schlagzeile nichts gemeinsam, ihre Wirklichkeit ist nicht zeitunterworfen, mit einem Gemälde vergleichbar, in das man sich einlässt, einliest, Raum um Raum erschliesst und sein Bild von Wirklichkeit findet, erfindet. Für die Autorin war es keine Ueberraschung zu erfahren, dass die meisten der unbekannten Anrufer ihren Roman nicht kannten. Sie kann sich beruhigt zurücklehnen, die Realität ist für die Fiktion keine Rivalin.

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