DIE ERMITTLUNGEN ÜBER BORK - TEXTE

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Aus dem 1.Kapitel:

„Bork ist die Gattin eines Mannes und die Mutter seiner Kinder. Eine Hausfrau. Eine Heimarbeiterin. Ohne Kündigungsrecht, ohne Einkommen, ohne Ferienansprüche, ohne gesetzlich geregelte Arbeitszeit, ohne Zeugnisse. Bork ist ein verbriefter Besitz. Ein Roboter. Ein Manager. Ein Parasit. Ein Gebrauchsgegenstand. Ein Faktor. Ein Stoff aus verschiedenen Qualitäten und Farben. Zusammengestückelte Vielfalt. Von allem zu wenig. Im Ganzen verwirrend, aber nützlich, etwas Alltägliches, das sich jeder Mann leisten kann.

Bork ist vielleicht ein künstliches Produkt, das Ergebnis eines langen Prozesses, der mit der Austreibung aus einem Paradies begann, zum Machtkampf der Geschlechter ausartete, bei dem die Frau als der scheinbar unterlegene Teil vom herrschenden Teil, dem Mann, in Besitz genommen wurde. Als anstelliges Objekt für verschiedene Spiele und Praktiken in einer von Gott oder der Kirche, dem Kaiser oder sonst einer Vaterautorität eingesetzten Ordnung. (...) Statt Bork könnte X stehen, aber die Dimensionen sind ungeheuer, deshalb bleibe ich bei Bork. Geboren worden, getauft worden, erzogen worden, berufstätig geworden, geheiratet worden, Mutter geworden. Das ist zu wenig und zu allgemein, um damit auszukommen. Bork muss das wissen, es steht nicht gut um Bork, sie könnte sich verlieren, wenn Bork verlorengeht, was bleibt dann noch von Bork?

Die Zeit drängt. Ich brauche Klarheit über Bork. Ich will, was Bork angeht, einkreisen und ordnen, Bork orten, aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart ermitteln. Vielleicht wird sich Bork sträuben, meine Ermittlungen erschweren, sich entziehen, vielleicht scheitern wir. Vielleicht gibt es Bork nicht mehr. Das Risiko muss ich eingehen, aber ich glaube an Bork.

Ich muss an Bork glauben, wenn sie existieren soll.“

Gegen Ende:

„Ein schöner Nekrolog ist dir sicher, den hast du dir verdient, den späten Beifall oder Nachruf, ruhe in Frieden, werte Bork, auf die Lücke, die du umständehalber hinterlassen könntest, müssen wir noch eingehen. Oder hast du noch etwas einzuwenden, auszusagen, einen späten Protest? Ich warte nicht ewig, Bork, deine Geschichte steht, stockt, wehre dich, Bork, reagiere oder lauf mir weg oder putze das Blumenfenster gegen die Sonntagsstrasse, das hat es immer nötig. Hol die Leiter aus der Garage, grätsche sie vor dem Schauglas und beginne den Putzvorgang auf der schwankenden Leiter. Labil war sie immer, nun stürz endlich ab und brich dir das Genick. Wer die Leiter in die Garage bringen wird, kann nicht mehr deine Sorge sein, du liegst im Vorgärtchen zwischen Rosen und Ginster, der Plattenweg färbt sich rot, und schon war es gewesen.“

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