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Es sind Wolken, nichts als Wolkenberge, sage ich, kein Himalaya und nicht die Berge von Shinshu mit Narayama, dem Opferberg, zu dem man siebzigjährig pilgerte, wie es der Brauch gebot, um allein zu sterben, den Nachrückenden seinen Platz am Tisch freizugeben. Nichts als Wolken, von Regen trächtig, sage ich, der grosse, zusammengerollte Körper im Windschatten der Terrassentür nur ein rostender Blätterhaufen. Und die Knochen auf der Terrasse keineswegs Reste eines kannibalischen Gelages, sondern die leeren Schalen der Esskastanien, die der Siebenschläfer räuberte. Nur das Gesicht ist ein Gesicht, das aus dem verzweigten Stamm des Feigenbaums wächst, ein freundlichrundes Frauengesicht, altes Wissen im Blick, um den stillen Mund. Das gezöpfelte Haar, zu Schnecken geformt, verdeckt die Ohren, aus dem Schädel treiben Haaräste. Ich mag das Gesicht und denke mir eine Baumfrau, die sich von hier nie entfernt, die Bewegungen des Windes, des Baumes mitlebt, die Winter oder Sommer vorbeiziehen lässt. Doch wir sind flüchtig, sage ich, als sei da ein Gegenüber, sind glücklose Fremde, die nirgends ankommen und auch sich verpassen. Wir sind unfertig in die Schöpfung geraten und werden sie unfertig wieder verlassen. Die Schöpfung braucht uns nicht, sage ich, oder?
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