MANCHMAL FAHREN ZÜGE - REZENSIONEN

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Trümmer- und Liebeslieder
Jene Welt, wie sie die in Basel lebende Ingeborg Kaiser in ihren jüngsten Prosaarbeiten aufgerissen hat, ist auch in ihre nunmehr vorliegenden lyrischen Notizen eingekehrt; eine Welt der Eiszeiten und Einsamkeiten. (...) Das lyrische Bewusstsein dieses schreibenden und redenden Ichs lebt ganz aus der Erfahrung, dass die Welt in Trümmer zerfallen ist . (...) Anderseits aber öffnen sich Lichtblicke: In den Gedichten, wo dieses Ich ein Du anspricht, werden Aufschwünge möglich, meldet sich ein neckischer Ton an, vereitelt der Ausbruch den tödlichen Rhythmus.

die andere zeit
erzähle mir
nichts von der
zeit ich betrog
sie diese
nacht eine
phantastische
reise sie
begann in einer
dampflokomotive und
endete im
rapido was
für glückliche
jahre

Es sind gerade die Einfachheit, die selbstverständliche Wahl der Worte, die Heimlichkeit eines schlichten Gesprächs, welche solche Gedichte der Liedhaftigkeit annähern. Urwünsche und Urbedürfnisse eines Menschen in seelenlosen Regionen, wie ihn Ingeborg Kaiser immer wieder schmerzlich genau zeichnet, kleiden sich in zwingende Bilder, die gleicherweise dem Kunstverstand wie der jähen Inspiration entspringen:

ein glück
täglich
nehme ich
worte aus
deinem brief

mahle sie
backe ein brot
und stille
den hunger

zum glück
wachsen sie
erneut über
nacht

Doch dehnen sich diese Ereignisse des Glücks nie zur Dauer; vielmehr bleiben sie Momente, hinterlassen sie allein Spuren. Denn ihnen allen liegt auch die Möglichkeit des Scheiterns zugrunde, der Konkurs lauert stets im Hintergrund. Ein Gedicht wie dieses, das in typischer Weise den Tonfall mancher Gedichte Ingeborg Kaisers hereinholt, zieht Bilanz:

konkurs
beim
spiel mit
der liebe
zuviel investiert
und zu
hoch verloren
der konkurs
zeichnet sich ab

ich buche
meinen verlust
als HABEN
und erziele
ein SOLL
an vernunft

Spiel und Konkurs, Aufflug und Sturz, Liebe und Trümmerlandschaft- solch gegensätzliche Erfahrungen leiten die Gedichte Ingeborg Kaisers, diese lyrischen Lageberichte einer Frau, welche um Kälte und Wärme menschlicher Empfindungen weiss.

Neue Zürcher Zeitung, 26.Juli 1983, Nr. 172 B.

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