IN STEINSCHUHEN TANZEN - REZENSIONEN

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Immer wieder während des Stücks schreibt sie einzelne Sätze auf. Sie, die keinen Namen trägt, von der man nur erfährt, dass sie Anns Mutter und Klaras Tochter ist. Sie, das ist Angela Kovacs, die im Stück „In Steinschuhen tanzen“ von Ingeborg Kaiser, die Frau spielt, die allein auf der Bühne von ihrer Insel aus die Insel der Tochter und die der Mutter zu verstehen sucht, um das eigene Dasein als etwas Eigenes zu begreifen.

„Noch immer träumt etwas ziemlich laut“, ist der letzte Satz, zu dem die Musik der Komponistin Patricia Jünger, die als andere Sprache im kapitelweisen Wechsel für dieses Stück geschaffen worden ist, einsetzt und die Schreibbewegung aufnimmt. Sie, die Frau, denkt nach, schweift zurück in den „Sommer der Kindheit“, forscht nach der Rolle ihrer Mutter, sieht sich im übernommenen Rollenspiel, das klebt und ungeniessbar wird „wie zäh gewordene Marmelade“. „Unbegabt, wer in Steinschuhen nicht tanzen kann“, sie erkennt die Schuhe, die Blockierung, gibt niemand anderem die Schuld, und vielleicht ist es das, was mich am Ende mit der Musik, mit der Schreibbewegung zusammen spüren, wünschen und hoffen lässt, dass ihr die Befreiung gelingen wird.

Zwar tauchen immer wieder schmerzliche, beschämende und angsteinflössende Erinnerungen auf, für die Ingeborg Kaiser eindringliche Bilder findet. „Die Liebeskrüppel beim Valse d Amour“, dieser Satz beinhaltet den Schmerz und das verkrampfte Lachen, das in stockendes Weinen übergeht. Doch scheint es, dass die Qual, einmal in Worte gefasst, überblickbar wird und abgelegt werden kann.

Angela Kovacs ist als Schauspielerin nahtlos in ihre Rolle geschlüpft und bewegt sich zwischen den Glasstellwänden und der durchsichtigen Staffelei, die manchmal Spiegel und dann wieder Schreibblock ist, als würde sie den Text eben denken, als liefe der ganze innere Prozess jetzt ab. Unterstützt wird sie dabei vom Bühnenbild, das Bettina Keller geschaffen hat. Es trägt in nochmals anderer Sprache mit zur Illustration dieses Lebens bei.

Die Gliederung des Stücks, die betonten Sätze, die Gesten des Alltags, der stumme Lichtwechsel, der von der lebenswarmen Gegenwart in die dämmerkühle Vergangenheit und zurück führt, lassen die einfühlsame und massgebende Regie von Verena Strasser erkennen. Das Projekt, das mithelfen könnte, das Denken und Fühlen von Frauen besser zu verstehen, hat wohlverdient verschiedene Beiträge von der Stadt und dem Kanton Bern erhalten: Dieses Ein-Fraustück steht für das Leben vieler Frauen.

msh. Der Bund, Bern, Freitag, 25. November 1988

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