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Novelle, eFeF-Verlag, Bern, 1994, ISBN 3-905493-73-X

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Rezension

Die atmosphärisch dichte Novelle um einen alten Bahnhof schlingt in virtuoser Komposition verschiedene Erzählstimmen ineinander. Es ist ein stillgelegter Bahnhof, der die vorbeidonnernden Züge von Nord und Süd als Durchgangsort duldet und dabei gleichzeitig zum Knotenpunkt vorüberziehender Geschichten wird. Von Liebesgeschichten zumeist, wenn man dazu auch die Nicht-mehr Liebesgeschichten zählt.

Die Zeiger der Bahnhofsuhr stehen auf 16 Uhr 52, und gehen bis zum Ende der Novelle nicht weiter. Innerhalb dieser einen Minute überkreuzt sich die 30jährige Ehe des Bahnhofvorsteherpaars, die zwischen grotesken Ordnungsneurosen und hilflosen Ausbruchversuchen herumschlingern, mit der Erzählung der Wartenden und mit der Erinnerungsliebe zwischen Nell und der Reisenden, die ihre heimlichen Intermezzi unterwegs zwischen Norden und Süden immer wieder fortsetzen.

Kaisers Novelle ist ein atmosphärisch dichter und prismatischer Text, der die Stimmen je nach Lichteinfall in sich bündelt, um sie bei einer leichten Drehung wieder wie Geleisestränge auseinanderlaufen zu lassen. Wie die Gattin des Bahnhofvorstehers immer wieder „an ihren Luftbildern häkelt“, den einzigen Bildern, über die sie verfügt, so klöppelt sich auch der Text entlang dem Gemurmel seiner Personen und vernetzt deren Gesichter von Absatz zu Absatz immer enger mit einer eleganten syntaktischen Verhakungstechnik.

Kaisers Novelle ist ein Novum, ein vielstimmiges und zugleich leises Stück Erzählung, wie es schon lange nicht mehr gehört worden ist.

Alexandra Stäheli, bz. 18. Mai 1995

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