MORD DER ANGST

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Roman (eFeF-Verlag, Bern, 1996), ISBN 3-905561-05-0

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Rezension

Ingeborg Kaisers neuester Roman ist eine gesellschaftliche Skizze und die fiktive Biographie eines Täters. Es beginnt mit falschem Namen zur falschen Zeit. Adolf wird das Kind genannt, obwohl der Name nicht mehr unbelastet über die Lippen gehen kann. Dolf oder Doll, wie er sich später nennen wird, rutscht mit Zufälligkeit als Sonderling so in sein nie gewünschtes Leben hinein, wie es vorkommt, dass man am Morgen mit dem falschen Bein aufsteht. Aber Doll, der vierkantige, linkische Junge mit der seltsamen Krankheit bleibt nicht lange Aussenseiter. Er wächst bald schon in die dumpfe Lethargie der Gleichgültigkeit hinein, die das kleine Dorf wie eine Gallerte überzieht. (...) Gewaltsam gezeugt von einem Mann, der die Wut über sein verpfuschtes Leben in seine Frau entlädt, wird Doll mit fünf Jahren Zeuge des Todes seines Vaters. Vergewaltigt er als Jüngling ein Mädchen, entdeckt er bald die Liebe zu Mary, seiner Winchester und treuen Begleiterin, wird er schliesslich zum Mörder, zum Zerstörer seiner Ängste. Mit ihrem jüngsten Roman greift Ingeborg Kaiser thematisch eine alte Geschichte wieder auf, die kürzlich ihr trauriges Jubiläum feierte: der bis heute nicht aufgeklärte Mordfall von Seewen, bei dem vor 20 Jahren fünf Menschen in einem Wochenendhaus zu Tode kamen. Er stand am Beginn von Kaisers Text, der fernab kriminalistischer Aufspürmethoden und ohne Verwendung der Untersuchungsprotokolle nach einer möglichen Konstellation von Opfer und Täter fragt. Kaisers Roman ist kein Versuch einer Aufklärung des Unerklärlichen, sondern vielmehr eine Chronologie derjenigen Umstände, die zur grausamen Tat hätten führen können, eine Skizze des gesellschaftlichen Umfeldes und zugleich eine fiktive Biographie des Täters.

Nach ihrer letzten Novelle „Regenbogenwahn“ kommt „Mord der Angst“ jetzt in einer ruhigen, beinahe kargen Schlichtheit daher. Mit wenigen formalen Pinselstrichen beschwört Kaiser die Atmosphäre eines 800-Seelen-Dorfes in den 70er Jahren herauf, dessen vergrämte Abgeschlossenheit, Kleinbürgerlichkeit und kirchliche Omnipräsenz die Kulisse für eine ganz normale Mordtat abgeben. Eine einfache, glatte, von Ellipsen durchbrochene Sprache spiegelt die Scheintransparenz, die die kleine Gemeinschaft durchzieht.

Alexandra Stäheli, bz, 20.9.1996

Ingeborg Kaiser, bekannt als Autorin äusserst konzentrierter, sensibler, aber eher schwieriger Texte, hat mit ihrem neuen Roman einen wesentlichen Qualitätssprung geschafft: Ohne ihren hohen Ansprüchen an die poetische Verdichtung, die nuancenreiche Empfindsamkeit ihrer Prosa untreu zu werden, hat sie eine Geschichte erzählt, die spannend wie ein Kriminalroman ist und zugleich ein Stück gesellschaftlicher Realität aus einem neuen, überraschenden Blickwinkel zeigt. Unvergesslich wird dem Leser auch die Gestalt von Dolls Mutter bleiben, die mit ihrer weisen Geduld, ihrem Lebensmut und ihrer unsentimentalen Leidensfähigkeit zu den eindrucksvollsten Frauenfiguren gehört, die mir in letzter Zeit zwischen zwei Buchdeckeln begegnet sind.

Valentin Herzog, Bücherzettel, Riehen, 20.9.96

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