HEIMLICHES LASTER - REZENSIONEN

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episches Gedicht und Lyrik. eFeF-Verlag, Bern, 1992
ISBN 3-905493-32-2

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Ingeborg Kaiser ist in erster Linie bekannt als Autorin von Prosatexten, Hörspielen und Theaterstücken. Mit „heimliches laster“ legt sie nun ihren zweiten Gedichtband vor (nach „manchmal fahren züge, 1983). Das Titelgedicht „heimliches laster“ erstreckt sich über zwanzig Seiten hinweg -ein faszinierend dichtes Gedicht, das unaufhaltsam in epische Lyrik vorrückt. Ingeborg Kaiser schreibt in dieser Versgeschichte gegen das Ein- und Zuordnen, Kategorisieren und Katalogisieren an. Sie spürt einem Frauenleben nach, rückt ihm beharrlich auf den Leib. Dabei holt die Autorin weibliche Erstarrung zurück und dichtet die Verstummung neu. Gnadenlos trägt sie die abgelagerten Schichten ab, und konsequent bis ins Letzte führt sie die Leser unbeugsam von einem Ende ins andere.

wasserstäbe, nennt Ingeborg Kaiser ihre Gedichte, die um die grossen Themen Liebe, Tod und Zeit kreisen. Selten taucht in ihnen die Ich-Form auf, oft dagegen das Ansprech-Du. Unablässig derangiert sie ihre Wortbilder, zerreisst die Sinnkerne, trennt einander Zugehöriges durch plötzliche Vers-Enden. So setzt sie Grenzen zwischen scheinbaren Einheiten und lässt gleichsam nebeneinander stehen - was wiederum scheinbar - nicht zusammengehört. Diese lyrische Syntax erzeugt eine eigene Wortmelodie, irritiert durch einen gebrochenen Rhythmus: ein starkes Gedicht(er)leben.
Dr. Corinna Caduff, Zürich

„heimliches laster“ vereinigt neuere Gedichte, von denen das Titelgedicht besondere Aufmerksamkeit verdient. Es ist ein Stück jener selten gewordenen Lyrik, die eine Geschichte erzählt, in diesem Fall die Geschichte einer Ehekrise „Im zweiunddreissigsten jahr/ fortwährender kriege einer / frau und eines mannes“. Eine 25-seitige Wortfontäne schiesst gleichsam aus der Frau empor, eruptiv hingesetzt in abgerissenen Zeilen ohne Punkt und Komma, durchsetzt mit den Splittern verletzender Dialoge, mit Erinnerungsbrocken, die unter Hochdruck aus der Verdrängung herausgeschleudert werden. Die Erkenntnis, ein Leben in freiwilliger Unterwerfung zugebracht zu haben, stürzt die jäh Erwachte in Erbitterung und Trauer, die stellenweise in hellsichtigen Zynismus und lustvollen Zorn übergehen. Ein Liebhaber wird ausprobiert, ein „regenbogenritter“, der die Sehnsucht nach Liebe aber nicht befriedigt; immer deutlicher zeichnet sich ein mögliches Leben ohne zugehörigen Gatten ab in einem „raum ohne boden“, der jede Sicherheit aufhebt, sich zum „sturz ins Leben“ öffnet.

Die Gedichte des zweiten Teils sind stiller, sie kehren in die Kindheit zurück, suchen Momente der Geborgenheit, berühren Verletzungen. (...)

unendlich

dort am
rand der
giebel ist
nichts
die augen
verlieren
sich im
dunst die
hände finden
keinen halt
dort
beginnt es

Ingeborg Kaiser kennt die Momente des Rückschlags, des Fast-Verstummens, sie kennt auch die Momente des trotzigen Auftrumpfens - die unverbundene Mischung macht den Reiz und die Wahrheit ihrer Bücher aus. Hin und wieder huscht ihr ein Lächeln über die Zeilen: „Endlich ein Dialog. Die Verführung mit Worten geglückt.“
Rudolf Bussmann, drehpunkt Nr. 85, 1992

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