Den Hunger nach Leben nicht zum Schweigen bringen

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Über einen Prosa- und einen Gedichtband Ingeborg Kaisers
Von Liliane Studer

Bereits 2002 legte Ingeborg Kaiser, die in Neuburg an der Donau geboren wurde und seit 1960 in Basel lebt, mit ihrem Buch "Róza und die Wölfe" biografische Recherchen zu Rosa Luxemburg – so der Untertitel – vor. Die am 15. Januar 1919 in Berlin ermordete Kommunistin und Revolutionärin, eine schillernde Persönlichkeit, scheint die Autorin auch weiterhin begleitet zu haben. Im kürzlich erschienenen Band "Ich war, ich bin, ich werde sein" konzentriert sie sich auf Luxemburgs Sterben und Tod und stellt diesem einen anderen Tod gegenüber, nämlich jenen von Rainer Werner Fassbinder, der am 10. Juni 1982, 37-jährig, bei der Arbeit am Drehbuch zu seinem Rosa-Luxemburg-Film einem Herzstillstand erlag. Eine dritte Geschichte kommt hinzu, jene der Autorin selber, die vor allem gegen Ende ihres Prosatextes vermehrt Einblick – wenn auch sehr sparsam – in ihr eigenes Leben gibt, das seinerseits geprägt ist vom 20. Jahrhundert: "R. Lu. und Rain sind Abbildungen, Kunstfiguren vielleicht, die sich imaginär begegnen, dennoch identisch mit Rosa L. und RWF sind. Zwischen ihrer Ermordung und seiner Todesnacht liegen dreiundsechzig Jahre, und während ich aus dem 21. Jahrhundert schreibend zurückblicke, schwindet meine Gegenwart. Doch habe ich sieben Jahrzehnte im vergangenen Jahrhundert gelebt und bin im Jetzt nur noch ein geduldeter, kündbarer Gast. Meine Stimme gehört den Toten und ihren Geschichten, die abgewandelt auch meine sein könnten, und dem Erinnern an das Jahrhundert der Kriege, litaneienhaft aufzurufen, anzumahnen."

Was diese drei Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, weiter verbindet, ist ein schier unersättlicher Lebenshunger, eine Sehnsucht danach, das Leben auszukosten, an die Grenzen zu gehen und – wenn es sein muss – auch darüber hinaus. Dass eine solche Grundhaltung voller Widersprüche sein muss, auch das wird in diesem kurzen Prosatext deutlich. Weder Rosa Luxemburg noch Rainer Werner Fassbinder schonen sich, sie folgen ihrem Herzen – und ihrer Überzeugung. Auch die Mitmenschen bekommen das zu spüren: Konsequenz fordert Opfer – und zwar von allen. Sehnsüchte lassen sich nicht einfach abstreifen, auch wenn längst erkannt ist, dass sie nie in Erfüllung gehen werden: "Mensch sein sei die Hauptsache [so Rosa Luxemburg]. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. ‚Mensch sein' heißt, sein ganzes Leben auf des Schicksals großer Waage freudig hinwerfen, wenn's sein muss, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen." Knapper formuliert es Fassbinder: "Hinter die letzten Geheimnisse kommt man sowieso nicht."

Dass das Leben nichts als eine Bürde ist und dass zu leben sich trotzdem lohnt, davon schreibt Ingeborg Kaiser auch in ihrem neuesten Gedichtband "vom schweigen sprechen", der wie der eben vorgestellte Prosaband in der Buchreihe Collection Montagnola, erschienen ist. "quäle mich / durch das / leben finde / es wert": Vier kurze Zeilen nur braucht die Lyrikerin für ihr Lebensfazit, nüchtern und sachlich sagt sie damit alles. Die Gedichte sind oftmals Rückblicke eines lyrischen Ichs auf eine Vergangenheit, die zwar weit zurückliegt, sich jedoch nicht einfach abstreifen lässt. Und alle durchzieht eine Ahnung des nahen Todes: "jede nacht / die reise zu / den quellen / jede nacht / näher dem / tod". Doch ebenso präsent wie der Tod ist die Liebe – die oft unerfüllt bleibt – und die damit verknüpfte Sehnsucht. Zeilen wie "wünschte / ein gedicht zu / schreiben das / dich umarmt" strahlen eine Wärme aus, die lange nachwirkt. Es sind Worte, die eine tiefe Trauer beschreiben, die gleichzeitig jedoch nähren, ohne den Hunger – jenen nach Leben – zum Schweigen zu bringen.

 

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