FREITAGABEND I (Stadttheater Chur, UA 1983)
FREITAGABEND II (Stadttheater Chur, UA 1985)

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Nach der erfolgreichen Uraufführung eines zweiten, zugespitzten Teils ihres Stücks „Am Freitagabend“ darf Ingeborg Kaiser als unkonventionelle Theaterautorin angesehen werden.

Die in Basel lebende Ingeborg Kaiser ist im Herbst 1983 erstmals mit einem Theaterstück an die Öffentlichkeit getreten, nachdem sie mit dem Text „Am Freitagabend“ einen Wettbewerb der Gesellschaft Schweizerischer Dramatiker gewonnen hatte. Das Stück wurde vom Stadttheater Chur uraufgeführt und in der Folge mit für ein zeitgenössisches Werk ungewöhnlichem Erfolg gegen vierzig Mal gegeben. Die Schauspieler Skil Kaiser und Siegfried Duhnke formten den Text zu einem quälenden Beziehungsdrama, das bei den Zuschauern Betroffenheit auslöste.

Den damals erhobenen Einwand, die beiden Hauptfiguren seien zu gar keinem richtigen Dialog mehr fähig, hat die Autorin auf ihre Weise pariert: in der jüngst in Chur uraufgeführten Fortsetzung von „Am Freitagabend“. (Regie Wolfram Frank) zeigt sie auf, dass Maria und Kurt nach den tragischen Vorfällen um ihren Sohn Bert tatsächlich in zwei Welten leben. In einer dramatischen Art von Engeführung „ihres“ Themas schneidet sie die Monologe der jetzt räumlich getrennten Figuren so gegeneinander, dass ein Zusammenleben undenkbar erscheint: Er verliert sich in Sackgassen der Erinnerung, sie kämpft um den schmalen Pfad einer eigenständigen Zukunft.

Die Schnittstellen zwischen ihren Monologen in der Nervenklinik und den seinen in der verlassenen Wohnung öffnen so den im ersten Teil vermissten Weg nach vorn: Es wird nicht mehr nur geklagt, man zieht Konsequenzen, macht - irgendwie - weiter. Das rundet ab, gibt dem ungewohnt gebauten Theaterstück Perspektive, Rhythmus. Nicht zuletzt die Qualität der Beobachtung und die poetische Sprache lassen erwarten, dass weitere Stücke der Autorin - sie schreibt an einem abendfüllenden Umweltstück „Patt“ und an einem Familienstück - ihren Weg ins Theater finden werden. 

H.K. MUSIK und THEATER, Mai 1985

„Freitagabend“, ein gelungenes Experiment

(...) Wir wollen uns damit beschäftigen, was jetzt und heute ist. Im Frühjahr 1983 hat Ingeborg Kaiser den ersten Preis eines Dramenwettbewerbs gewonnen. (...) Dieser Einakter mit dem noch vorläufigen Titel „Am Freitagabend“ wurde am 24. November 1983 sehr erfolgreich im Stadttheater Chur uraufgeführt.

Die Autorin ging dabei von einer wahren Begebenheit aus, die sich auf die Berliner Studentenunruhen und den Tod von Benno Ohnesorg bezieht. Ein Autowäscher wird Zeuge einer Schiesserei, die sich unmittelbar in seiner Nähe abspielt und mit dem Tod des Verfolgten endet. Obwohl er immer wieder von seiner Frau stark bedrängt wird, verweigert er jegliche Zeugenaussage. Die Ermittlungen der Polizei ergeben schliesslich, dass es sich bei dem Toten um den Sohn des Paares handelt, der seit einem Jahr verschwunden war.

Eigentlich war vorgesehen, diesen Einakter als abgeschlossenes und eigenständiges Stück so zu belassen. Doch in Publikumsdiskussionen wurde immer wieder gefragt, wie die Eltern auf den Verlust ihres Sohnes reagierten und wie ihr Leben weiter verlief. Und so kam es im Winterthurer Theatermai zum Entschluss, das Thema unter dem Titel „Freitagabend, 2. Teil,“ weiterzuführen. So entstand das Autorenprojekt mit dem Stadttheater Chur und Ingeborg Kaiser. Im Rahmen eines Dramatikerförderungsmodells des Bundesamts für Kulturpflege, Bern, ermöglichte man der Autorin eine halbjährige Hospitation in Chur. Während dieser Zeit wurde der zweite Teil des Stückes geschrieben und gleichzeitig geprobt. Die Autorin nahm an der praktischen Theaterarbeit teil und führte ständig ein Probetagebuch über diese Zeit, das die Arbeitsprozesse am Stück und am Projekt protokolliert. (Eine Veröffentlichung in Buchform ist geplant)

Die Aufführung der beiden Teile beeindruckte vor allem durch ihre konsequente und lebensnahe Darstellung der äusseren und inneren Konfliktsituationen der betroffenen Eltern. Als Zuschauer konnte man am 30.März 1985 im Churer Stadttheater mitverfolgen, wie sich die beiden Figuren in ihrem Leben immer mehr voneinander wegbewegten. Während sie im ersten Teil noch in ihrer Wohnung beisammen sind, leben sie im zweiten Teil nun völlig getrennt voneinander. Die Frau befindet sich nach einer Nervenkrise in einer Klinik. Der Mann lebt allein in der gemeinsamen Wohnung, die ihm immer befremdlicher wird. Im Gegensatz zum ersten Teil stimmen Zeit, Ort und Handlung nicht mehr überein. Bild 1 zeigt die Frau als Reisende, Bild 2 den Mann in einer fast leeren Küche. Die beiden Bilder laufen simultan ab. In zwei langen Monologsträngen ständig im Wechsel wird das Geschehen aus der Jetzt-Situation neu aufgerollt. Eine Reise durch die Stationen ihrer Leben, die in verschiedene Richtungen geht. Nachdem im ersten Teil das äussere dramatische Geschehen bereits abgeschlossen ist, führt demnach die Fortsetzung ins Innere der Personen. Die Introversion drückte sich bei der Churer Aufführung nach der Pause sehr schön und plausibel in der Verlegung in eine Studio-Form aus, ins Innere der Bühne, wobei auch der Zuschauer unmittelbar ins Geschehen eingeschlossen wurde.

Zusammenfassend: Ein Experiment, das zu weiteren Autorenprojekten auf deutschsprachigen Bühnen ermutigen sollte. Eine Bereicherung auch für den Zuschauer, vor allem der aktuellen Thematik des Stückes wegen.

Es werden bereits Verhandlungen mit einigen Bühnen geführt.

Arnold Sigrist KULTUR, Theater.

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