DEN FLUSS ÜBERFLIEGEN

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Erzählung, eFeF-Verlag, Bern, 1998, ISBN 3-905561-21-2

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Rezensionen

Ihre Stärke im Beschreiben menschlicher Innenräume hat Ingeborg Kaiser mehrfach unter Beweis gestellt. In „Den Fluss überfliegen“, dem Jahresbericht einer lebensbedrohlich erkrankten Schriftstellerin, übertrifft sie sich an schlichter, poetischer Prägnanz.

„Krabb“ heisst bei Ingeborg Kaiser die Bedrohung mit tödlichem Nimbus, hinter der sich die Krebserkrankung nicht versteckt - die Sprache ist lediglich beim Wort genommen. Die leise Verfremdung verdeutlicht jedoch den personifizierten Schrecken der Krankheit :Ein Körper mit Leben bedroht den lebendigen Körper. Krabb hat sich eingenistet und katapultiert die Erzählerin ungefragt aus ihrer Alltäglichkeit.

In leisen, unkapriziösen Schritten vollführt Ingeborg Kaiser gekonnt den Balanceakt: Sprachschöpfend schreitet sie die Wundränder ihrer Ich-Erzählerin ab, ohne je in weinerliches Schmerzgejammer zu verfallen. Sie findet einfache, klare Bilder ohne erdrückende Metaphernlast, um das Ausgeliefertsein der Kranken genauso wie die wortreiche Hilflosigkeit ihrer Mitwelt zu verdeutlichen. Das ungefragt Hereinbrechende wird zur Sprache genötigt - es entsteht dabei ein innerer Monolog der Erkrankten, an der einzig Blue, die Freundin, aus der Ferne teilhaben kann.

Sybille Birrer, SFD, 9.98

„Den Fluss überfliegen“ - das muss ausdrücklich festgehalten werden- handelt nicht von den Leiden, Hoffnungen und Ängsten einer Krebspatientin. „Ich suchte nach meiner Angst und fand sie nicht.“... Ingeborg Kaisers Erzählung thematisiert die Strategien, welche die Ich-Figur entwickelt, um mit ihrer Krankheit umzugehen.

Eine dieser Strategien ist die Bildung von Kunstwörtern, die das Schlimme auf Distanz halten, ihm ein gewisses Eigenleben geben und zugleich erlauben, es nach Gutdünken zu handhaben, zu ironisieren. Wenn die Erzählerin von „Krabb“ statt von Krebs spricht, so ist das keine Verharmlosung, (...). Den unangenehmen Wörtern, Gedanken, Vorstellungen weicht die Erzählerin niemals aus. Indem sie von „Krabb“ spricht statt von Krebs, von der „Bettenstadt“ statt von der Klinik, vom „Wundtermin“ statt von der Operation, verfremdet, objektiviert, entemotionalisiert sie diese Dinge, deren gewöhnliche Namen automatisch jene Wellen mit Mitgefühl auslösen, die dem Betroffenen eher peinlich als hilfreich sind. Der aufmerksame Leser wird übrigens feststellen, dass die Autorin noch eine ganze Reihe weiterer Kunstwörter dieser Art verwendet; so spricht sie vom Strombaum (Hochspannungsmast), von ihrem „Schreibreservat“, von einer „Generalin der Häuser“, und ihren Gatten bezeichnet sie in der Regel als „Mitbewohner“.

Zu den Überlebensstrategien der Erzählerin gehören ferner die entschiedene Zurückweisung all jener Versuche, ihre Krankheit als eigenes Verschulden zu stilisieren. (...) Dazu kommen zwei entscheidend wichtige positive Ansätze, nämlich das Bekenntnis zu den Menschen, denen ihre Liebe gilt, wie zur Freundin Blue und dem „Reisenden aus dem Nordzug“ - den man aus der Novelle „Regenbogenwahn“ kennt - und zum andern der Entschluss, sich wieder mit aller Kraft dem Schreiben zu widmen, und das heisst ja sich schreibend neu zu erschaffen. (...)

Valentin Herzog, Riehener Zeitung, 13.November 1998

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