ALVAS GESICHTER - REZENSIONEN

Startseite

Biobibliographie

Kontakt

 

 

 

Roman (OSL Verlag Riehen 2008)

140 Seiten, CHF 27.- / € 17.-
ISBN 978-3-9523250-3-2

Schöner, trauriger Text (hier klicken für eine Textprobe)

Roman von Ingeborg Kaiser.

von Verena Stössinger

Sie hat sich „den Ort ausgesucht“, an den sie sich zurückziehen will, die Erzählerin, um an einem Text für den Enkel zu schreiben: ein abseits gelegenes Haus in einem Tessiner Tal ist es, das ein Maler und Schriftsteller einst „dem steilen Gelände abgetrotzt“ hat und bis zu seinem Tod mit seiner Frau bewohnte - aber Arbeitsruhe findet sie nicht. Der Ort lässt das nicht zu; zum einen, weil er doch „vielleicht weniger den Lebenden als den Toten gehört“, wie die „Autorin“ vermutet, zum anderen aber auch, weil sie mit schwerem Gepäck gekommen ist.

Bei sich hat sie das „handgeschriebene Ringbuch mit blau gemasertem Kartondeckel, das mich kurz vor der Abreise als anonymer Brief erreichte“. Sie liest darin, liest sich fest, und die Schreiberin, die sie Alva nennt, kommt ihr bald sehr nahe. Alva schreibt vom täglichen Kampf, den sie meistens verliert - sie ist Alkoholikerin und trinkt sich unaufhaltsam dem Ende entgegen, „die Andere“ in ihr will es, ein „Kill“ treibt sie an, Ärzte helfen nicht und „Lauer“, wohl ihr realer Partner, ist auch kein Halt, bloss ein Langweiler und pedantischer Aufpasser, den sie austricksen muss.

Die „Autorin“ versinkt in Alvas Bericht und Alpträumen, und ihre eigenen Gespenster werden wach, obwohl sie versucht, sich an den Bildern des Hausherrn, die im Haus hängen, festzuhalten; sie wird von heftigen Träumen heimgesucht und von den Bildern ihrer Kindheit: vom Krieg, den Bomben, der Heimatlosigkeit. Ans Schreiben der Enkelgeschichte ist nicht mehr zu denken.

Das Haus wird zur Falle. Es liegt ja auch ganz einsam und vor den Fenstern fällt unentwegt der Regen, beginnt schliesslich der Hang zu rutschen und Wände und Decke werden feucht. Und so, wie die Nässe bald alles durchdringt, den Blick aufs Naheliegendste begrenzt und feste Konturen aufweicht und löst, werden auch Zeiten und Figuren durchlässig; neue Figuren drängen sich auf und bringen ihre Geschichten mit, ihre Lebensbilder, und bald beginnen sie sich zu berühren und zu überlappen - auch über die Grenze des Textes hinaus. Die Bilder des Malers nämlich gibt es wirklich, und Alva hat der „Autorin“ unter anderem deshalb ihre „Beichtbibel“ zugeschickt, weil diese einen Roman geschrieben hat, der „Die Puppenfrau“ heisst, wie ein Buch von Ingeborg Kaiser.

DIE ERZÄHLEBENEN sind also auch immer durchlässiger, „alles mit allem verwoben“, die Alpträume sind nicht mehr einzudämmen und die Not, die sich in und unter allem verbirgt, dieses zunehmende Gefühl von Abhängigkeit, Ohnmacht und Endlichkeit. Der Text versetzt es in ein Strömen, in dem Motive auf- und abtauchen, Bilder, Signale, Sprachperlen, und das den Leser mit sich zieht.

Ein reicher, reifer, kluger und sorgfältig schöner Text, und ein trauriger auch, das heisst, ein illusionsloser. Einer, der viel vom Leben weiss und viel von der Sprache.

Ingeborg Kaiser, Alvas Gesichter, Roman, OSL-Verlag 2008


Maskenparade
Rezension aus der NZZ vom 24./25.Mai, Seite 52

als. (Alexandra Stäheli)

Eine Autorin zieht sich in ein idyllisches Haus im Tessin zurück, um an einer Geschichte für ihren Enkel zu arbeiten. Mit im Gepäck hat sie das handgeschriebene Ringbuch mit blau gemasertem Kartondeckel, das ihr anonym zugestellt worden war - und in dem die Ich-Erzählerin gebannt liest. Es scheint das Tagebuch einer Trinkerin zu sein, von der Erzählerin bald Alva genannt, deren Lebensgeschichte sich immer heftiger in die Tag- und Nachtträume der Lesenden webt. Während das einsame Haus von einem biblischen Regen heimgesucht und schleichend aufgeweicht wird, lösen sich zunehmend auch die Konturen der einzelnen Figuren auf. Ist Alva letztlich eine Erfindung der Autorin - oder diese nicht doch einfach nur eine soziale Tarnung, eine heile Persona der Trinkerin? Mit „Alvas Gesichter“ legt Ingeborg Kaiser einen stimmungsvollen, dichten und doch leicht - ja tatsächlich süffig - zu lesenden Roman vor, der sämtliche Rollen, die das Leben so parat halten kann, in der Maskenparade zweier Figuren defilieren lässt. Es sind aber vor allem die melancholischen, fragenden, leeren Gesichter entwurzelter Menschen, die Kaiser porträtiert; die Gesichter jener, die aus zu grossem Sehnen in die Sucht gefallen sind, so dass sich der Roman zusehends in einen sanften, aber intensiven Totentanz verdreht.


Anschreiben gegen die unaufhörlich fliessende Zeit
Rezension von Barbara Traber im Juli 2008

Der neue Roman von Ingeborg Kaiser ist keine leichte Lektüre, doch die Sätze ziehen einen in eine eigene Welt aus Erinnerungen und Geschichten, und der Fluss der präzisen, dichten Sprache entwickelt einen Sog in die Tiefe. Es geht um den Rückzug einer Schriftstellerin in ein Künstlerhaus im Tessin, in dem ein Maler gelebt hat. Anstatt dort ungestört einige Wochen an ihrem Text über eine Nonna, die für ihren Enkel Selim Geschichten von früher erzählt, weiterarbeiten zu können, kann sie nicht anders, als sich mit einem Tagebuch, das sie anonym zugeschickt bekommen hat, auseinandersetzen.
Alva, wie sie die unbekannte Schreiberin nennt, ist alkoholabhängig und kämpft vergeblich gegen ihre Sucht – die Krankheit ihres Lebens – den sie schonungslos offen legt. Der Ich-Erzählerin gelingt es nicht, sich von „Alvas Gesichtern“, ihren bedrückenden Bekenntnissen, abzugrenzen, sie fühlt sich von der Fremden, mit der sie Zwiesprache hält, bedrängt. Obwohl sie sich mit den Bildern und der Lebensgeschichte des Kunstmalers, mit Beobachtungen der Natur und Ereignissen, die sich in der Gegend abgespielt haben, abzulenken versucht und immer wieder in Erinnerungen an ihre eigene Kindheit flüchtet, kommt sie nicht an gegen alte Geschichten, die aufsteigen und erzählt werden wollen.

„Die Toten hinterlassen Geschichten, Alva, mahnen uns sie weiterzuerzählen, leben in den Geschichten, den eigenen und den fremden. Mir scheint alles sei versponnen, ineinander verwoben, und die Zeit wie ein Gewebe aus verschiedenen Fäden, das sich fortwährend verändert, erneuert, unverzichtbar dabei die alten Fäden. Ohne sie würde es Löcher geben, schwarze Zeitlöcher, die das Gewesene unleserlich machten.“

Solche Schlüsselsätze, wahr, klug, wunderbar formuliert, sollte man mit Bleistift unterstreichen, um sie später wieder zu lesen. In diesem aus Fiktion, Realität und Autobiografischem komponierten Text auf mehreren Ebenen, die kunstvoll ineinander verwoben sind, geht es um Sucht, Vergänglichkeit, Alter und Tod. Die Ich-Erzählerin wehrt sich mit Sprache gegen die Übermacht der Zeit, der wir ausgeliefert sind, lässt Vergangenes aufleben, schreibt mit verzweifelter Intensität, dann wieder beinah trotzig, mutig und stark gegen das Vergessen und gegen den Tod an.

Ingeborg Kaiser, geboren in Neuburg/Donau, lebt seit 1960 in Basel, hat dramatische Texte, Prosa und Lyrik veröffentlicht und wurde mehrfach mit literarischen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschien ihr Gedichtband „galgenmut“, Rauhreifverlag, Zürich 2007.

Aufgefallen ist mir bei der Lektüre einmal mehr, dass Menschen, die ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland erlebten, noch heute unter viel Schmerzhaftem, unter Alpträumen oder gar Traumen leiden. Wieder begegnet bin ich in „Alvas Gesichter“ zu meiner Freude dem Posthalter Rehn, dessen Spuren sie ausführlich in ihren eindrücklichen biografischen Recherchen zu Rosa Luxemburg, „Roza und die Wölfe“ nachgegangen ist. (Janus Verlag, Basel, 2002). Gegen Ende ihres Tessinaufenthalts schreibt die Ich-Erzählerin: „Nonna will ihre Geschichte für Selim aufgeben, und ich gebe ihr recht.“ Könnten solche Reminiszenzen vielleicht für die Nachgeborenen eher eine Last sein?, fragt sie sich auf einmal. Sie muss üben loszulassen – und doch wurde sie mit dem Enkel wieder das Kind Pupa, dem es einst leicht fiel, in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs Zuflucht in (s)einer Fantasiewelt zu finden. Auch am Anfang des „blauen“ Buches von Alva steht:“Sie habe sich nie jung gefühlt, aber die Erinnerung an das Kind bewahre sie davor, sich alt zu fühlen, obwohl sie weiter über sechzig sei und ihre Hände das Alter verrieten.“
Die Erzählerin und ihre Figuren Nonna und Alva kommen sich im persönlichen Dialog, im Denken, Fühlen und selbst im Alter immer näher, ergänzen sich, die Grenzen zwischen den Frauen werden fliessend wie die Zeit. „Weiterschreiben ist schmerzhaft, aber solange ich weiterschreibe, gibt es dich Alva, zuletzt Reisende auf der „Silja Linie“, ich kommt mit Geschichten, meine dich aufhalten zu können.“


Flucht in die Sackgasse
Ingeborg Kaisers Roman "Alvas Gesichter" handelt von Suche und Sucht, Abhängigkeit und Aufbruch
Von Liliane Studer
Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass es so in Strömen regnet, als die Erzählerin zum Künstlerhaus im Tessin fährt, um dort in Ruhe und Abgeschiedenheit an einem Text für ihren Enkel zu arbeiten, könnte ein Zeichen dafür sein, dass dieser Aufenthalt nicht so werden wird, wie sie es sich eigentlich vorgestellt hat. Denn sie, dieses namenlose Ich, bringt in ihrem Gepäck ein blaues Ringbuch mit, ein Tagebuch, ein Bekenntnis einer anderen Frau, das ihr anonym zugegangen ist. Es gelingt ihr nicht, das Buch zu ignorieren. Sie beginnt zu lesen und kann sich je länger je weniger distanzieren von Alva, die hier handschriftlich ihre Alkoholexzesse festhält. Sie schreibt von Kill, der sie beherrscht, ebenso wie von ihrem Ehemann Lauer, ein ständig kontrollierender Pedant, der sie in eine andere Abhängigkeit treibt. Diese Aufzeichnungen, in denen Alva von den widerwärtigen Seiten des Alkoholismus spricht und radikal ehrlich dokumentiert, welch eine selbstzerstörerische Gewalt dem Trinken innewohnt, üben eine schwer fassbare Faszination auf die Erzählerin aus.

Solange sie sich zu Beginn noch vermehrt mit dem Ort, an dem sie sich befindet, und der Geschichte des Malers, in dessen Haus sie arbeiten kann, auseinandersetzt, erkennt sie Parallelen zur eigenen Geschichte, die geprägt ist von Kriegserfahrungen. Die Außenwelt tritt jedoch immer mehr in den Hintergrund. Die Ich-Erzählerin und Alva werden zu einem Paar, das sich nicht mehr trennen lässt. Oder ist Alva sogar das Alter Ego der Ich-Erzählerin? Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Hauptfiguren. Wenn die Erzählerin - die manchmal als Ich spricht, manchmal in der dritten Person - zu Pupa wird, so ihr Name, als sie ein Kind war, und sich auf Alvas Geschichte einlässt, öffnet diese ihr den Weg zu ihrer eigenen. Die Notizen ermöglichen ihr, sich an die Kriegsgräuel und an den Verlust des Bruders, der ihr über all die Jahre gefehlt hat, zu erinnern. Was eigentlich Vergangenheit ist, wird im Künstlerhaus Gegenwart. Die Frau ist einerseits allein, aber andererseits auch nicht, denn mit ihr leben der Maler, Alva und das Kind, das sie einmal war.

Je mehr der Regen den Blick durch die Fenster verschwimmen lässt, desto schärfer wird die Erinnerung. Die Erzählerin wird von Träumen heimgesucht mit Bildern aus der Kindheit. Es gibt kein Entrinnen für sie. Denn nicht nur das eigene Haus, das hätte Schutz bieten sollen vor dem, was einmal war, bricht auseinander. Auch der Hang, an dem das Haus steht, beginnt zu rutschen. Der Boden bietet keinen Halt mehr. Das ursprüngliche Vorhaben, eine Geschichte für Selim, den Enkel, zu schreiben, hat sie aufgegeben, weil sich anderes in den Vordergrund drängt. Die Erzählerin weicht nicht vor dem Problem zurück - höchstens indem sie sich hinter dem Ich versteckt und in der dritten Person erzählt. Oder ist die Ich-Form die weniger bedrohliche?

Ingeborg Kaiser hat mit "Alvas Gesichter" einen eindrücklichen, traurigen, poetischen Roman geschrieben, der die Ausweglosigkeit zweier Frauen durch ihre Abhängigkeit von Alkohol, vom Ehemann, von der Geschichte und letztlich von sich selbst thematisiert. Im Spiel mit den Figuren, in dem die Autorin offen lässt, ob Alva und die Erzählerin die gleiche Person sind, und durch das Schreiben in der Ich-Form, in der dritten Person, oft auch im Konjunktiv, betont sie das Nicht-Eindeutige. Damit lässt sie diesen kleinen Spalt offen, der zum Überleben, ja vielleicht zum Leben führt. Am Ende hat sich das Unwetter verzogen und die Ich-Erzählerin kann sehen, wo sie sich befindet. "Ich bestaune die schimmernde Landschaft, als sei sie neu erschaffen worden. Sehe ein Schauspiel, bei dem langsam das Licht zurückgedreht wird, die lang gezogene Bergkulisse dunkeln, Inseln, Palmen, Bambus und Feigenbaum sich schwärzen, die Silhouette sich vom hellen Himmel abheben. [...] Sehe noch immer das Ewigkeitsspiel von Tag und Nacht und vergesse darüber die Gegenwart, Alva, und unsere kleine Geschichte."

nach oben

Die Rechte aller hier dargestellten Texte liegen bei der Autorin oder beim Verlag.